Afrika > Seychellen > 12. Oktober 2018

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Trotz Müdigkeit war es gestern Abend erst nicht leicht einzuschlafen. Die Straßenhunde haben gebellt, die Vögel geschnattert, der Kühlschrank im Zimmer hat gebrummt und der Rauchmelder alle paar Sekunden geknackt.
Letzteres konnte Dirk beheben, indem er die Batterien entfernt hat. Dabei musste er sich auf einen unstabilen Stuhl stellen, weil die Decke so hoch ist. Dieses Geräusch hätte mich irgendwann aber womöglich zur Weißglut gebracht.

Nach maximal möglicher Behebung der Störungen haben wir uns trotzdem dazu entschlossen, alle Fenster zu schließen. Denn was Dirk nicht richten konnte, waren die ständigen Geräusche der an den Käfig knallenden Kette des Nachbarhunds, wenn er sich in seinem Lebensraum von einem Meter bewegt hat. Er ist noch sehr jung und wäre sicherlich verspielt, hätte er nicht dieses wirklich miserable Los des Lebens gezogen. Die schwere Kette, die an seinem Hals hängt, auch noch die ganze Nacht hören zu müssen, hätte ich nicht ertragen. Wegschauen oder -hören hilft eben am besten bei Elend, stimmts?


Als ich heute Morgen nach einer dennoch sehr erholsamen Nacht aufgewacht bin, war ich in Schweiß gebadet. Mit noch zugekniffenen Augen habe ich meinen kleinen Nachttisch nach der Fernbedienung für die immerhin vorhandene Klimaanlage abgetastet. Ich wusste ungefähr, wo der Knopf zum Einschalten war.

Nachdem sich nach mehrmaligem Drücken nichts getan hatte, habe ich eben doch die Augen geöffnet. Draußen war es schon hell.

Wir hatten keinen Strom. Neben der nicht funktionierenden Klimaanlage war auch unser Essen im Kühlschrank nicht mehr kalt. Hätte ich meine Kamera doch lieber mal gestern Abend aufgeladen. Der Akku hat aber zum Glück den ganzen Tag über gehalten.


Wir sind in keinem Resort. Wir wohnen dort, wo es auch die Einheimischen tun. Also genau so, wie ich es am liebsten habe. Mit eigenem Auto, Einkaufen im Supermarkt und Kochen in den „eigenen vier Wänden“.
Mit Sicherheit sind die Seychellen das reinste Paradies, wenn man sich Luxus gönnt. Die Küstenstraße hier hoch war überwältigend. Wer es jedoch auf die Art der Einwohner macht, bekommt von diesem nichts mit.
Das ist auch gut so. Vielleicht gönnen wir uns in der letzten Woche ja noch etwas Schönes. Diese ist ja noch offen. Dann müssen wir aber auch bereit dazu sein, eine Menge Geld hinzublättern. Und darauf wird es wohl eher nicht hinauslaufen.
In der Regel wird das Akklimatisieren aber auch von Tag zu Tag leichter. Man gewöhnt sich an den Verkehr, kommt besser mit der Hitze klar, wird nicht mehr so von Eindrücken erschlagen und passt sich dem Leben an.

Woran ich mich in den ganzen drei Wochen nicht sattsehen werde, sind diese einzigartigen Granitfelsen. Noch nirgendwo sonst auf der Welt habe ich etwas Vergleichbares gesehen. Diese Felsen sind so mächtig, dass man sie in die Bauwerke hier integriert. So kann es vorkommen, dass eine Terrasse zum größten Teil aus einem solchen Felsen besteht. Sehr schlau von den Seychellois.

Glacis Beach

Die Flughunde, die mich am gestrigen Abend so fasziniert haben, sind sogar tagsüber zu sehen. Gemütlich fliegen sie durch die Lüfte und hier und da hängen sie an einer Stromleitung rum. Gerne hätte ich ein Foto von einer geschossen. An der Küstenstraße mit dem Auto anzuhalten ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie wir in unserer Zeit hier jemals rechts… äh… links ranfahren sollen.
Und wie ich mich an die tiefen Gräben am Straßenrand gewöhnen soll, weiß ich auch nicht. Die Fahrerei hier ist die reinste Konzentrationsarbeit. Menschen, Hunde, Gegenstände, einfach auf alles muss man achten. Und da ich Dirk diesem Stress nicht ganz allein aussetzen kann, fahre ich natürlich auch. Das Wasser ist mir dabei beim letzten Mal vor Anstrengung das ganze Gesicht runtergelaufen. Aber heute hat es schon besser geklappt als gestern. Es wird wie gesagt von Tag zu Tag einfacher.

Die Höllenfahrt hatte heute jedoch nicht ich, sondern Dirk. Im Gegensatz zu sonst auf unseren Reisen hatten wir heute nämlich die Idee, erst mal planlos durch die Gegend zu fahren und anzuhalten wo es uns beliebt. Falsch gedacht.
Die Straßen in Worte zu fassen ist nicht leicht. Sie sind kurvig, bergig und eng. Und man hat grundsätzlich jemanden hinter sich, auch wenn die Seychellois nicht drängeln und auch nicht aus Ärger hupen.
Findet sich irgendwann mal eine Stelle zum Halten, ist diese entweder schon besetzt oder man müsste schräg nach unten parken. Und dann sind da ja noch diese fürchterlichen Gräben!


Man parkt eben wo man kann.

Ursprünglich wollten wir in den Norden. Einfach immer geradeaus, haben wir uns gedacht. Bis wir plötzlich in Victoria gelandet sind, das sich eigentlich von unserer Unterkunft aus im Süden befindet. Dirk wollte mir erst nicht glauben, aber ich hatte mich vorher so intensiv mit den Seychellen beschäftigt, dass ich die kleinste Hauptstadt der Welt sofort erkannt habe.
Dabei wollten wir es meiden, dort mit dem Auto hinzufahren. Und als sei das Verkehrsaufkommen dort nicht schon an normalen Tagen Strapaze genug, war heute auch noch Seychelles India Day.

Ich möchte mich nicht beklagen. Schon mein ganzes Leben will ich auf die Seychellen und dass ich kaum fassen kann, dass ich nun endlich hier bin, habe ich schon so oft gesagt, dass man es an einer Hand nicht mehr abzählen kann. Und die Berichte darüber, wie mir das Land vor Schönheit den Atem raubt, werden noch zu genüge folgen. Ich möchte aber eben nicht so tun, als wäre das hier alles easy-peasy. Dass die Bauarbeiter am Straßenrand mehr rumsitzen als zu arbeiten, kann ich absolut nachvollziehen.

Naja, zurück zu Victoria. Dort einen Parkplatz zu finden, war… wie soll ich es ausdrücken… ein Wunschtraum?
Über eine Stunde hat sich Dirk durch die Straßen gequält, während wir auf den klebrigen Ledersitzen fast geschmolzen sind. Zum Teil waren die Gassen so voll von Menschen wie in einer Fußgängerzone. Immerhin hat es hier Gehwege. Außerhalb der (übrigens einzigen Stadt des Landes) sind gar keine vorhanden.

Clocktower in Victoria

Eine ganze Stunde lang auf der Suche nach einem Platz zum Halten zu sein ist wirklich ernüchternd. Etwas außerhalb des Zentrums sind wir nach einer gefühlten Ewigkeit aber schließlich doch noch fündig geworden. Es hat sich eher um eine sandige Wendemöglichkeit gehandelt als um einen offiziellen Parkplatz. Ein paar Autos sind dort aber bereits gestanden. Inklusive einem Transporter, in dem ein Einheimischer schon fast wegzunicken schien. Freundlich habe ich mir bei ihm die Auskunft geholt, dass wir unseren Mietwagen ohne Bedenken abstellen können.

Am Flughafen hatte man uns darauf hingewiesen, dass man zum Parken in Victoria ein Ticket benötigt, das man bei der Post kostenpflichtig erwerben kann. Dieser Parkplatz sei allerdings kostenlos, war seine Aussage. Nur im Auto lassen sollen wir nichts.
Die Seychellen gelten als sicheres Reiseziel, aber Diebstähle kommen nun mal überall auf der Welt vor.


Fühlt man sich erschlagen und ausgelaugt, hilft es meistens etwas zu essen und eine kalte Cola zu trinken. Die Preise haben es jedoch in sich. Zumindest wenn man sich in ein Restaurant setzt. Wir hatten uns ja vorgenommen, es wie die Seychellois zu tun und uns unsere Essen an den beliebten Fressständen zu kaufen. Da wir in unserer Unterkunft aber schon fleißig gekocht und heute Morgen am Strand Brötchen aus einem Tante-Emma-Laden gefrühstückt hatten, haben wir uns dazu entschieden, uns nun irgendwo reinzusetzen. Raus aus dem Trubel und vor allem endlich auf eine Toilette. Ich zumindest.

Als ich in einem Café meine Mütze vom Kopf gezogen und dabei mit halb ausgestreckter Zunge die klatschnassen Haare nach hinten geschoben habe, hat mich das Pärchen am Tisch gegenüber angegrinst.
Mein erstes Ziel nach der Aufnahme der Bestellung war das Badezimmer. Auf dem Weg dorthin hat es mich fast auf die Fresse gelegt, als ich über die nassen Fliesen gerutscht bin, die aus irgendeinem Grund voller Pfützen waren.
In den Spiegel blickend, voller Schweiß im Gesicht, habe ich zu der Australierin neben mir gesagt, dass ich eine Dusche brauche. Nach einem kurzen Schwätzchen, dass sie hier auf den Seychellen ihren Vater besucht, habe ich mich auf den Rückweg zu dem Café gemacht.
Ein einfacher Bohnensalat mit ein paar wenigen Penne, roter Bete und Tomaten hat mich 180 Seychellen-Rupien (ca. 11,50€) gekostet. Zur Gewohnheit kann das nicht werden, aber es hat unheimlich gutgetan und uns wieder mit Energie gefüllt.


Auf einmal war ich wieder viel besser darauf eingestellt, die „Stadt“ zu erkunden. Vorbei an Obst- und Gemüsemärkten, schwarze Abgase ausscheidenden blauen Bussen, getunten Autos und zu meinem Überraschen deutlich mehr Einheimischen als Touristen.

Das erste Ziel und ganz oben auf meiner Victoria Liste war der Hindu-Tempel Arul Mihu Navasakthi Vinayagar, oder in tamilischer Schrift: அருள்மிகு நவசக்தி விநாயகர் ஆலயம்.
Ich hatte das große Glück, eine Minute vor der Mittagsschließung noch einen Blick hineinwerfen zu können. Besonders interessant ist aber die Außenfassade mit ihren etlichen bunten Figuren.

Arul Mihu Navasakthi Vinayagar

Nach diesem Blickfang sind wir noch etwas durch die Straßen geschlendert und haben unsere restlichen Euro in Seychellen-Rupien wechseln lassen. Wichtig ist, dass man diese bis zum Ende der Reise aufbraucht. Sie wieder in Euro umzutauschen kostet nämlich extra. Wunderschön bunt sind diese seychellischen Scheine. Die Seychellois scheinen es generell bunt zu mögen. Die Landesflagge wird von fünf Farben geziert.

Da wir nun schon mal außerplanmäßig in der Gegend waren, sind wir auch noch auf die nahegelegene Eden Island gefahren. Auch wenn diese künstlich erbaute Insel am internationalen Yachthafen, die nur eine Brücke vom Festland trennt, keinen wirklichen Charme hat, haben wir einen Abstecher dorthin gemacht. Es waren ja nur drei Kilometer.
Die Farbe des Wassers mit all den teuren Booten und Yachten ist beeindruckend, die Insel selbst aber sehr auf Touristen mit dicken Geldbeuteln abgestimmt. Da shoppen dort ultrateuer ist, haben wir sie nur mit etwas zu essen und einem Kanister Wasser aus dem Supermarkt verlassen, der überraschend günstige Preise hatte.

Eden Island

Beim Rausfahren aus dem eigentlich kostenpflichtigen Parkhaus hat uns der Mann an der Schranke einfach so passieren lassen, weil wir darin nur weniger als eine Stunde geparkt hatten. Das war schon ein echt ulkiges Bild. Reinzus musste man am Automaten ein Parkticket ziehen, wie man es in Deutschland auch gewohnt ist. Rauszus hingegen gab es zwar eine Schranke, aber ohne die Möglichkeit das Ticket einzuschieben. Stattdessen ist daneben eben dieser Mann gesessen, der die Parkkarte entgegengenommen und die Schranke geöffnet hat.

Wie immer in Ländern, die sich von Europa stark unterscheiden, muss ich über solche Vorgehensweisen schmunzeln. Diese andere Lebensweise fasziniert mich einfach. Noch immer muss ich an den Kreditkartentrick unseres Autoverleihers denken.

Auf den Fußgängerwegen in Victoria, die nun wirklich nicht schlecht sind, ragt ab und zu eine abgebrochene Stange raus, die man bei uns in Deutschland dort niemals so lassen würde, weil man sich daran ordentlich die Zehen anstoßen oder stolpern könnte. Gullis haben oftmals kein Gitter, kaputte Straßenlaternen werden schnell mal mit Tape abgeklebt und gebrochene Rohre bleiben einfach liegen.

Andererseits sieht man überall Seychellois mit Plastiktüten rumlaufen, die den Müll einsammeln. Das Land ist verblüffend sauber und immer wieder wird man in Form von Schildern auf die Wichtigkeit darüber hingewiesen.


Am späten Nachmittag, ja fast schon Abend, sind wir zurück an unserem Apartment angekommen. Dieses Mal bin ich den steilen Berg mit Karacho nach oben gedonnert, in der Angst sonst rückwärts runterzurollen. Dabei musste unser Mietwagen ganz schön schnaufen und ackern.

Während Dirk sich das Essen von gestern aufgewärmt hat, habe ich etwas die Gegend erkundet. Nicht allzu lang jedoch, da die steilen Berge das Laufen ganz schön erschweren. Ein Stück weit ist mir dabei unsere Gingerkatze gefolgt, wie wir sie nennen. Das ist die englische Bezeichnung für gelbliches Braun.

Dabei hatte ich mich doch schon ausgiebig mit ihr unterhalten. Jeden meiner Sätze erwidert sie mit „Miäääaaau!“ Sie mag eben die Gesellschaft. Oder erhofft sie sich doch nur, dass irgendwann etwas zu fressen für sie abfällt?



Ich war keine zwei Minuten unterwegs, da hat mich schon der erste Seychellois auf meinem Spaziergang begleitet. Oberkörperfrei, bei dieser Hitze. Er hatte auf seinem Gartenstuhl sitzend offensichtlich nichts zu tun gehabt und sich über den Besuch einer weißen Europäerin gefreut. Und außerdem musste er mich seiner Ansicht nach ja schließlich vor den Hunden beschützen, die bellend um mich herumgeschlichen sind.

Es war schön zu sehen, dass es auch eine Menge Hunde gibt, die ihr Leben nicht in Ketten verbringen müssen. Der arme Nachbarhund bricht mir das Herz. Seit über zwei Stunden sitze ich schon an diesem Bericht und ständig ist er am Bellen, während seine Kette gegen den Käfig schlägt.

Normalerweise halte ich solche Grausamkeiten nicht schriftlich fest. In meinem Kopf schwirren ohnehin schon genug Bilder von verletzten und alleingelassenen Tieren auf meinen Reisen herum, die ich wohl bis an mein Lebensende nicht mehr vergessen werde. Diese auch noch zu notieren, würde die Erinnerungen beim Lesen nur jedes Mal wieder festigen.


Aber Themawechsel.
Da ich mich auf den Seychellen darauf eingestellt hatte, Französisch zu sprechen, war ich umso verwunderter, dass man doch immer auf Englisch begrüßt wird und auch die Schilder so ausgeschrieben sind. Immerhin basiert Seychellenkreol auf Französisch.

Durch die Gesellschaft des Einheimischen hatte ich die Gelegenheit, mich darüber schlauzumachen. Englisch sei, wenn sich die Seychellois mit Touristen unterhalten, viel verbreiteter als Französisch. Also mache es auch mehr Sinn, sie auf dieser Sprache anzusprechen, hat er gesagt. Denn in so kurzer Zeit Seychellenkreol zu lernen ist sowieso ziemlich aussichtslos. Ich verstehe tatsächlich nur Brocken.

Ich könnte noch ganze Seiten füllen, aber so langsam fallen mir die Augen zu. Man kann eben nur einen Bruchteil des Erlebten festhalten. Am besten ist es, man sieht es mit eigenen Augen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. woooow da könnte ich nicht Auto fahren :-D

  2. freue mich auf den nächsten Bericht

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